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30. Juni 2008

Der Aufbau-Verlag trauert um Lenka Reinerová

Abgelegt unter: Redaktionelle Beiträge — Wolfgang Haan @ 20:11

Lenka Reinerová hatte im Januar ihre Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus bereits nicht mehr persönlich vortragen können. Dabei war sie so von dem Wunsch erfüllt, gerade im Deutschen Bundestag als deutschsprachige Prager Jüdin, die im Holocaust ihre gesamte Familie verloren hatte, für Verständigung, Toleranz und gegenseitiges Einander-näher-kommen einzutreten, dass es ihr noch einmal gelang, gegen Krankheit und Hinfälligkeit anzukämpfen.

Lenka Reinerová war am 17. Mai 1916 in Prag in einer jüdischen Familie geboren worden, die Mutter war deutscher Herkunft, der Vater Tscheche. Seit 1936 arbeitete sie für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung. 1939 gelang ihr die Flucht nach Frankreich, wo sie wie viele Emigranten bald interniert wurde. Über Marokko entkam sie nach Mexiko, arbeitete für die Botschaft der tschechischen Exilregierung und war Weggefährtin von Emigranten wie Egon Erwin Kisch und Anna Seghers. Nach Kriegsende kehrte sie mit ihrem Mann, dem jugoslawischen Schriftsteller und Arzt Theodor Balk, nach Europa zurück, lebte einige Jahre in Belgrad und seit 1948 wieder in Prag. 1952 wurde sie ein Opfer der stalinistischen Säuberungen, verbrachte fünfzehn Monate in Untersuchungshaft, wurde danach mit ihrer Familie in die Provinz abgeschoben und erst 1964 rehabilitiert. Als Chefredakteurin der Zeitschrift “Im Herzen Europas” erhielt sie nach dem Ende des Prager Frühlings Schreibverbot, wurde aus der Partei ausgeschlossen und verlor ihre Arbeit in einem Verlag. Trotzdem wurden ihre Bücher seit 1983 wieder im Ostberliner Aufbau-Verlag verlegt, erst in den neunziger Jahren konnten sie auf Tschechisch erscheinen.

1999 erhielt sie als Erste den Schillerring der Deutschen Schillerstiftung, 2003 die Goethe-Medaille, 2006 das Bundesverdienstkreuz. Über keine ihrer zahlreichen Ehrungen hat sich Lenka Reinerová jedoch gefreut wie über die Ehrenbürgerschaft von Prag, nichts hat sie so unermüdlich befördert wie die Gründung eines Literaturhauses der deutschsprachigen Autoren in Prag.

Eindringlich, oft beklemmend, aber immer warmherzig beschrieb sie in ihren Büchern wie “Das Traumcafé einer Pragerin”, “Zu Hause in Prag – manchmal auch anderswo”, “Alle Farben der Sonne und der Nacht” oder “Das Geheimnis der nächsten Minuten” Begebenheiten ihres an erschütternden und schönen Erlebnissen so reichen Lebens. Wer sie – persönlich oder durch ihre Bücher – kennenlernte, war beeindruckt von ihrem Lebensmut, ihrem klugen Humor und ihrer Zuversicht, die sie sich trotz aller schrecklichen Erfahrungen bewahrt hatte und die sie nun Lesern und Zuhörern in ihrem wunderbaren Prager Deutsch vermittelte. Am 27. Juni starb sie, die mindestens noch ein letztes Buch schreiben wollte, in Prag.

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